Oktober 2017

von Sela Miller

Das Schneckenhaus

Das Schneckenhaus gehört zu jenen Gebäuden, die im deutschen Baurecht als „Fliegende Bauten“ bezeichnet werden, wobei es sich hier um die spezielle Form der „Kriechenden Bauten“ handelt. In der Architektur des Schneckenhauses verbinden sich Schlichtheit und Extravaganz, Tradition und Moderne, Landläufigkeit und Avantgarde auf ästhetisch ansprechende Weise. Die Fassade des Schneckenhauses ist als Mehrschichtverbundsystem konzipiert. Baustoffe mit hohem Kalkanteil sorgen für gute Durchlüftung, in den Innenräumen zaubern Wandverschalungen aus dünnen Aragonit-Plättchen schillernde Lichteffekte. Wegen der geringen Dämmungswerte der verwendeten und übrigens voll recyclebaren Materialien trifft man das Schneckenhaus in unseren Breiten meist in den wärmeren Jahreszeiten an. Das Haus ist fensterlos und dürfte eines der wenigen Sommerhäuser sein, dessen naturverbundene Besitzer*innen Regenwetter über alles lieben. Es wächst mit deren individuellen Platzbedürfnissen. Entschleunigung ist verinnerlichtes Prinzip. Das Schneckenhaus  wird zudem seit ewigen Zeiten bevorzugt von Hermaphroditen bewohnt und gilt somit als Paradebeispiel sozial aufgeschlossenen Wohnungsbaus.

Den Zukunftspreis der Architektur hätte das Schneckenhaus jedoch vor allem wegen seiner besonderen Konstruktionsweise verdient. Wird in der herkömmlichen architektonischen Bauplanung noch davon ausgegangen, dass die Erde eine Scheibe ist – parallel ausgerichtete Wände stehen auf einem Untergrund, der als absolut eben angenommen wird –  so reagiert das Schneckenhaus auf die bereits von Albert Einstein in der Allgemeinen Relativitätstheorie formulierten Gesetze der Krümmung von Raum und Zeit. Das Schneckenhaus zählt somit zu den wenigen Wohngebäuden, das der Tatsache der Erdrundung in jedem Detail Rechnung trägt und die Gesetze der modernen Physik in funktionale Schönheit übersetzt. Wer sich geduldig auf Entdeckungsreise begibt, wird mit der Beobachtung höchster Krümmungsflexibilität belohnt und einem fast übermenschlichen Bewusstsein für die Relativität von Materie und Sein. Meine Empfehlung: Nach dem nächsten Sommergewitter raus gehen, Hausschnecken suchen, auf die Knie fallen, staunen.

Architekt: unbekannt, Bauherr*in: privat, Standort: mobil

Sela Miller, geboren 1967, lebt in München und bei Tutzing. Sie entwickelte diverse Kunst- und Literaturprojekte für den öffentlichen Raum und schreibt Prosa. Zuletzt erschien 2017 im Verlag müry salzmann ihr Buch ROSE FÄHRT RENNRAD.

Weitere Informationen zu Sela Miller: www.wildeprosa.de

Haus des Monats



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