Mai 2017

Die Marienburg – Zwischen Funktion und Erinnerungskult

Die an der Nogat gelegene Marienburg ist die größte ländliche Befestigungsanlage Europas. Die Bauarbeiten am ältesten Teil der Burg, dem Kern des späteren Hochschlosses, wurden wahrscheinlich im Jahr 1276 begonnen und etwa vier Jahre später abgeschlossen. Im Zuge ihres Bedeutungsgewinnes für den Deutschen Orden in Preußen wurde die Burg deutlich erweitert. Ab 1309 begannen die Bauarbeiten am Mittelschloss, mit weiteren Wirtschafts- und Verwaltungsgebäuden, sowie den äußeren Verteidigungsanlagen.

Soweit, so typisch. Es ließe sich noch so einiges über die Dicke der Mauern, die Positionierung der Wehrgänge und gut befestigten Tore der Burg, oder auch die Anzahl der verbauten Ziegelsteine (übrigens ca. 4,5 Millionen) schreiben. Doch das ist nicht, was diese Festung zu einem europäischen Kulturdenkmal erster Rangordnung macht. Die wirkliche, tiefgreifende Bedeutung dieser Anlage findet sich im Spannungsverhältnis ihrer verschiedenen Funktionen und Rollen.

Die Marienburg ist, wie der Name bereits überaus deutlich macht, der heiligen Maria gewidmet, Schutzpatronin des Orden der Brüder vom deutschen Spital der heiligen Maria in Jerusalem (im lateinischen Original: Ordo fratrum domus hospitalis Sanctae Mariae Teutonicorum Ierosolimitanorum), landläufig bekannt als der Deutsche Orden. Sie wurde im 14. Jahrhundert Sitz des Hochmeisters, und damit zum Regierungszentrum des Ordens. Für die Zeitgenossen muss diese Wahl ähnlich überraschend gewesen sein, wie die Wahl Bonns als neuer Hauptstadt der noch jungen Bundesrepublik. Es gab größere und besser ausgebaute Burgen, insbesondere Elbing galt lange als wichtigste Anlage in Preußen. Spätestens mit dem endgültigen Umzug des Hochmeisters auf die Marienburg im Jahr 1324 musste die Burg nicht nur als Verteidigungsanlage, sondern auch und mit immer höherem Gewicht ihrer Funktion als Zentrum der Verwaltung und herrschaftlichen Repräsentation gerecht werden. Umbauten und größere Erweiterungen waren die Folge, es entstanden neue Wirtschaftsgebäude. Die ursprünglich recht bescheidene Sankt-Marien-Kapelle wurde in mehreren Schritten erweitert. Dies erforderte den Ausbau der Befestigungsanlagen, sodass die Burg im Verlauf der nächsten hundert Jahre auf ihre heutigen Dimensionen anwuchs.

Gerade die Bedeutung der herrschaftlichen Repräsentation lässt sich an einer Anekdote Wigands von Marburg in seiner Preußenchronik bestens zeigen: Der polnische König Kazimierz III. traf 1366 den Hochmeister auf der Marienburg und zeigte sich äußerst neugierig auf die Speisekammer, nachdem er bereits drei Tage lang vorzüglich versorgt wurde. Der Hochmeister befahl, sie zu öffnen und dem König den Inhalt zu zeigen. Der polnische König war von der Fülle an Nahrungsmitteln so beeindruckt, dass er alle Streitigkeiten mit dem Hochmeister sofort beilegen wollte und von einem heimlich geplanten Angriff auf die Burg absah. (SRP, II, Wigand von Marburg, 556)

Tatsächlich befand sich die Marienburg während nahezu der gesamten Zeit als Sitz des Hochmeisters im konstanten Umbau, ein Zustand der bei ihrer erstmaligen Belagerung im Jahr 1410 durch das litauische-polnische Heer unter dem litauischen Großfürsten Jagiello nicht gerade zum Vorteil gereichte. Im weiteren Verlauf ihrer Geschichte verschob sich die Funktion der Burg nun vollständig zum Herrschaftszentrum und ihre Verteidigungsfunktion wurde nahezu vollständig aufgegeben. Nach der Säkularisierung des preußischen Ordensstaates 1525 wurde sie zum Sitz weltlicher Fürsten und reihte sich in die üblichen Moden der Zeit ein. Barocke umbauten ließen sie in den folgenden Jahren mehr zum Schloss, als zur Burg werden. Erst als sich die Niederlage des dritten Reiches im zweiten Weltkrieg abzeichnete, erlangte sie wieder unrühmliche Bedeutung als Feste Marienburg, die als Bollwerk gegen die rote Armee bestehen sollte. Ein hoffnungsloses, wie sinnloses Unterfangen, das den inzwischen mit nationalistischem Pathos aufgeladenen Erbe des Deutschen Ordens Rechnung trug, aber die  Burg selbst fast vollständig zerstört zurück lies.

Zwar war die Burg seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in keiner herrschaftlichen Funktion mehr, erlangte aber eine neue Bedeutung. Im Verlauf dieses und des nachfolgenden Jahrhunderts wurde sie zum identitätsstiftenden Merkmal konkurrierender Nationalitätenerzählungen. Wie Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1902 nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten in der Burg das Wahrzeichen der deutschen Kulturnation gegen die slawische Flut erkannte, bildete sie im entstehenden polnischen Nationalbewusstsein einen Fixpunkt der Erinnerung gegen Fremdherrschaft und Eroberung. Für beide Seiten, die polnische und die deutsche, war die Burg nunmehr nicht mehr nur ein historisches Bauwerk mit politischer Funktion, sondern vielmehr Teil der eigenen Erinnerungskultur, das identitätsstiftend gegen den vermeintlichen Feind in Stellung gebracht werden konnte. Wie wirkmächtig diese Erzählung war, zeigt sich nicht nur an Henryk Sienkiewicz berühmten Roman „Die Kreuzritter“ aus dem Jahr 1900, sondern v.a. an dessen Verfilmung im Jahr 1960. Zuletzt wurde der Film übrigens 2009 in Deutschland als DVD unter dem Titel „Die letzte Schlacht der Kreuzritter“ veröffentlicht. Neben diesen auf Konfrontation ausgerichteten Gesichtsbildern, entstand gerade in Polen nach dem zweiten Weltkrieg eine historische Tradition, die den Deutschen Orden und dessen Erbe mit der polnischen Nation letztlich versöhnen sollte. Heute ist die Marienburg daher nicht mehr ein Bauwerk aggressiver Eroberer, sondern Denkmal eines eng verflochtenen Raumes, dessen historische Ereignisse immer in die Gegenwart wirken.

Nachdem Geschichte  auch der Blick der Gegenwart auf die eigene Vergangenheit ist aus dem jeweiligen Zeitverständnis ist, lässt sich an der Marienburg das Selbstverständnis Deutschlands und Polens von sich selbst und ihrer Beziehung zueinander ablesen. Es gibt nur wenige Orte in Europa, die in ihren historischen Bedeutungen so gegensätzlich aufgeladen sind und waren, wie der ehemaligen Hochsitz des Deutschen Ordens.

Michael Kassube

Quellen und Literatur:

Wigand von Marburg. „Chronica nova Prutenica“. In Scriptores rerum Prussicarum, herausgegeben von Max Töppen, Theodor Hirsch, und Ernst Gottfried Wilhelm Strehlke, 2:429–711. Leipzig, 1863.

Knapp, Heinrich. Das Schloss Marienburg in Preussen: Quellen und Materialien zur Baugeschichte nach 1456. Lüneburg: Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, 1990.

Haftka, Mieczyslaw, und Stanisław Jabłoński. Marienburg: Bildband – Reiseführer; historischer Grundriß und Informationen über die Sehenswürdigkeiten der Marienburg. Warschau, 1993.

Grossmann, G. Ulrich, Hans-Heinrich Häffner, Thomas Biller, Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern, und Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Hrsg. Burgen und frühe Schlösser in Thüringen und seinen Nachbarländern. Forschungen zu Burgen und Schlössern, Bd. 5. München: Deutscher Kunstverlag, 2000.

Hucker, Bernd Ulrich, Eugen Kotte, und Christine Vogel, Hrsg. Die Marienburg: vom Machtzentrum des Deutschen Ordens zum mitteleuropäischen Erinnerungsort. Paderborn: Schöningh, 2013.

Michael Kassube, 28.04.2017

zur Person:
Viel Persönliches können wir nicht – noch nicht – zu Michael schreiben. Ausser, dass er mir aufgrund seiner sympathischen Art aufgefallen ist.
Michael, Jahrgang 1985, hat in München an der LMU Geschichte studiert. Nach mehreren Auslandsaufenthalten ist er nun als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Staatsbibliothek beschäftigt.
Es freut uns sehr, dass er nicht nur das Haus des Monats schreibt, sondern auch einen kleinen Vortrag auf unserem Bürofest 2017 halten wird.
Thomas Gerstmeir, 31.04.2017

Das nächste Haus des Monats wird vorgestellt von: Philipp Molter, Architekt



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