Oktober 2015

„Casa del Gon“
Zwischen Himmel und Erde
F. Willenborg, 1979 (als Weiterentwicklung einer Chicagoer Ur-Hütte von 1893)

Gut, die Ästhetik des Kassenhäusls der Wilden Maus mag vielleicht manchen an die Kraft und Klarheit der Berliner Nationalgalerie erinnern, aber Mies ist nicht alles, und die Entwicklung der „Casa del Gon“ hat gezeigt, dass die Geschichte der Bau- und Architekturkultur seit 1979 neu geschrieben werden müsste.
Etwas verklärt alpenländisch mag die Casa auf den ersten Blick mit ihrer giebelseitigen Erschließung wirken, doch bei genauerem Hinsehen kann man sie erkennen und spüren: die russischen und vorderorientalischen Wurzeln, die in dieser Bauwerksentwicklung stecken.
Dieses schwebfähige sowohl Nord-Süd als auch Ost-West durchgesteckte
Frei-Raum-Wunder ist Design und Funktion in höchster zukunftsweisender Vollendung. Das eingeschoßige Bungalowformat bietet auf 4,08m2 Grundfläche die Möglichkeit zu einem Mehrgenerationen-Wohnen für 8-10 Personen einer Familie, oder auch aus multikulturell zusammengesetzten Einzelpersonenhaushalten.
„Mobile Immobilie im freien Raum mit festem Ortsbezug“ – ein Traum für jeden der sich beruflich oder privat mit dem Thema Wohnen auseinandersetzt.
Die modular herstellbare und materialsparende Stahlkonstruktion mit Holzschindelimitaten, hohem Glasanteil, Liebesornamentik sowie fugenlos integrierter Möblierung verbinden industrielle Klarheit mit anschmiegsamer Poesie, und lassen sich obendrein – auch daran sei gedacht – langlebig leicht reinigen und pflegen.
Als absolut einmalig sind die unterschiedlichen Möglichkeiten von Blickbeziehungen zu bezeichnen, die durch die wandelbaren städtebaulichen Situierbarkeit in ihrem Ausmaß mathematisch nicht mehr zu beziffern sind.
Maximaler solarer Energieeintrag und natürliche Belüftung in Kombination mit einer regulierbaren Glühbirnenheizung setzen haustechnische Maßstäbe, die den bevorstehenden 12 Novellierungen der Energieeinsparverordnung bereits heute Meilen voraus sind.
Mit seiner Höhenverstellbarkeitstechnik zwischen 0 und 50 Meter Differenz ist die Casa del Gon weltweit annähernd in und über jedem Gelände für den Zugang nahezu aller denkbaren Geschöpfe Barriere-frei verwirklichbar.
Schon beim ersten Eintreten und sich niederlassen und durchatmen werden alle Sinne berührt, ja sogar stimuliert.
Diese königlich-bayerisch-wohnwirtschaftliche Meisterleistung und gleichzeitiges Kleinod in lebendig-asketischer Architektursprache ist in vielen einsamen Gegenden als singuläre Schutzbehausung zu finden, sie lässt sich aber auch in repräsentativen urbanen Räumen reihen, stapeln, ensemblieren, und vieles mehr.
Sollte jemals jemand auf die Idee kommen, z.B. 32 baugleiche Häuser in einem vertikalen beweglichen Kreis aufzuhängen, so wäre auch sicher das möglich.
Aber warum, warum um Himmels Willen sollte jemand so etwas tun?
Prinzregent von Bayern, München 01.10.2015

Zur Person:
Viele Geschichten, vornehmlich Münchener Geschichten, ranken sich um den Prinzregenten. Eigentlich ist er ja der neue Stenz – oder doch vielleicht doch eher der Papst von Bayern? Zumindest ist er genauso geheimnisvoll wie sein sagenumwobener märchenhafter monarchischer „Vorfahre“. Obwohl bei allen Gelegenheiten, Gaststätten und anderen Lokalitäten auch wieder bekannt wie ein bunter Hund.
Unvergessen auch seine Empfänge in seiner Kanzlei, dem schönsten „Büro der Welt“, den weissen Bällen und blutigen Geburtstagsfeiern für verstorbene Könige des Pops.
Sein Hofstaat setzt sich aus allen Gesellschaftsschichten zusammen, ja sogar geflohene Maharadschas sind dabei. Ein gutes Herz hat er – so würde man sagen, wenn auch etwas, na ja, zumindest schrullig.
Es gäbe noch so viel zu berichten: über seine Autos und die sonstigen, etwas skurrilen Accessoires. Seine Auftritte mit „Feinstaub“, die vortrefflichen Elvisimitationen am Steinway, die weißblaue Weihnacht. Alles Erinnerungen der etwas anderen Art, die ich nicht missen will.
Ist seine Welt als Hoheit eine Welt des Glamours? Nicht zu Wies´n-Zeiten. Da streift er seinen Hermelin ab, wirft sich in die Lederhose und mischt sich gerne unters Volk. Wer dann ein Haus des Monats für Oktober bei ihm bestellt, darf sich nicht über diese Ausgabe wundern (und tut es auch nicht).

Thomas Gerstmeir, München, 01.10.2015

Das Haus des Monats November wird vorgestellt von:
Patrick Reiman, Städtebauer, Düsseldorf