November 2015

Rheinkniebrücke in Düsseldorf
Fritz Leonhardt, 1969

Wenn man neu in Düsseldorf ist, dann stellt man bald fest, dass das Selbstverständnis der Stadt als ein Zentrum der Kunst, der Mode und des Luxus einer durchaus bescheidenen, oft sogar bis zur Lieblosigkeit einfachen städtebaulichen, architektonischen und landschaftsgestalterischen Realität gegenübersteht.
Man versteht: Düsseldorf ist kein Ort, an dem Menschen tiefe Wurzeln schlagen. Leute ziehen in die Stadt, bleiben ein paar Jahre und ziehen wieder weg, ins Umland, und reihen sich dann jeden Morgen in die endlosen Kolonnen der Einpendler ein.
Die Stadt hat sich der Bewegung verschrieben, nicht dem Bleibenden. Ihre Top-Sehenswürdigkeit ist nicht eines der wenigen Baudenkmälern aus dem Mittelalter und dem Barock in der kleinen Altstadt, sondern die Königsallee – ein Boulevard im eigentlichen Wortsinn, angelegt auf einem Abschnitt der aufgehobenen Stadtbefestigung. Die Architektur der Randbebauung tritt in den Hintergrund; entscheidend sind zum einen die einem ständigen Wandel unterliegende Gestaltung der Ladenfronten und der Schaufenster, zum anderen das Straßenprofil selbst, belebt durch den nie abreißenden Fluss der Passanten und Flaneure.
Eingeladen, ein Haus des Monats auszuwählen und mich dabei vom eigenen Weg zur Arbeit leiten zu lassen, frage ich mich: Welches Bauwerk reflektiert mein Düsseldorf-Gefühl?
Nach mehr als 15 Jahren Leben und Arbeiten in der Stadt, in die ich nur für einen Studentenjob gekommen bin, fühle ich mich hier immer noch nicht „daheim“. Dennoch habe ich zu schätzen gelernt, dass Düsseldorf voller Menschen ist, denen es ähnlich geht, und die sich hier – wie ich – als Fremde willkommen fühlen.
Das Einladende, aber auch der transitorische Charakter von Düsseldorf ist für mich besonders greifbar in der Gestaltung der Rheinbrücken, der „Brückenfamilie“, die die rechtsrheinische Innenstadt mit dem Linksrheinischen verbindet. Der Rhein schlägt hier einen steilen Bogen, das „Rheinknie“, der auf seiner linken, der Innenstadt gegenüberliegenden Seite durch einen breiten Wiesengürtel geprägt ist. Alle Mitglieder der Brückenfamilie sind Schrägseilbrücken, über einen Zeitraum von 20 Jahren nach denselben entwerferischen Ideen errichtet und dabei technisch immer weiter verfeinert.
Die Rheinkniebrücke im Süden der Innenstadt, in den 1960er Jahren errichtet, ist mir die liebste. An einem normalen Arbeitstag quere ich sie zweimal täglich – zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem Auto. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sorgfältig sie gestaltet ist. Alle Proportionen stimmen. Sogar die Unterseite sieht gut aus. Die beiden Pylone, die den Eingang in die Innenstadt markieren, sind nicht durch einen Sturz miteinander verbunden.
Welche architektonische Geste kann einladender sein als offenes Tor?
Patrick Reimann, Düsseldorf 26.10.2015

Zur Person:
Patrick Reimann interpretiert als Voll-Blut-Städteplaner den klassischen Haus-Begriff mit einer Brücke. In der urbanen Maßstäblichkeit betrachtet ist diese Sichtweise ein erweiternder und legitimer Beitrag zum „Haus des Monats“ und typisch Reimännisch. Insofern kann ich Patrick nur danken für diesen Beitrag und bin von dem Bauwerk zu tiefst beeindruckt. Grazil und wagemutig bestimmt diese Brücke einen Ort und verbindet Stadtteile. Rhythmisch perfekt, befreit von allem Überflüssigem und anmutig steht sie da in der Wiese. Mit einer professionellen Leichtigkeit hingetupft wie eine von Horowitz eingespielte Scarlatti-Sonate in reinstem D-Dur. Der hängende Teil muss wohl jedem Ingenieur die Tränen in die Augen treiben, so unverschämt reduziert sind die Stahlseile in Ihrer Anzahl.
Die Liebe zu skurrilen, haltlos unpittoresquen Häuserversammlungen verbindet Patrick und mich. Dies liegt wohl an der geteilten niederbayerischen Heimat und dem damit verbundenem frühentwickelten Blick hinter die Kulissen. Viele Stadtspaziergänge haben wir unter diesem Aspekt bereits gemacht – eben auch in Düsseldorf.
Thomas Gerstmeir, München, 30.10.2015

Das Haus des Monats November wird vorgestellt von:
Maximilian Zitzelberger, Architekt München