Juni 2015

Augustenstraße 103 – ein Haus in meinem Viertel

Auf den ersten Blick ist man sich nicht sicher, ob man das Gebäude als ein solches bezeichnen kann, ist es doch mehr ein Fragment als ein Gebäude. Für mich ist es ein Haus, da es über alle primären Merkmale einer Behausung verfügt: Es besteht aus Boden, Wänden, einem Dach und es wird genutzt, ja sogar bewohnt. Ich habe mich schon oft gefragt, wie es innen organisiert ist und wie es funktionieren könnte. Fragen, die man in der täglichen Arbeit nicht unbeantwortet lassen kann. Eigentlich ist das Gebäude ein Absurdum – ein halber Giebel, bestehend aus einem riesigen Dachstuhl, etwa 6m breit, mit drei unterschiedlich großen, direkt übereinanderliegenden Gauben und einem langen, eingeschossigen Vorbau. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das Haus ein Überbleibsel aus dem Krieg. Oder es ist ein Provisorium aus der Nachkriegszeit, entstanden als Notunterkunft, wetterfest gemacht, hier und da an- und ausgebaut, um sich dann still und heimlich, ganz unbemerkt zu etablieren. Wie auch immer, die Situation ist vor vielen Jahren aus irgendwelchen Gründen, die sich bis heute gehalten haben, so entstanden.
Ich schätze das Haus für seine verschroben-reizvolle Form und für seine Ausstrahlungskraft auf die Nachbarschaft. Es ist das unorthodox Konventionelle, das selbstverständlich Gewachsene, das skurril Schöne, das ich mag. Ich glaube unsere Städte und Nachbarschaften brauchen derartige Brüche im Gefüge. Brüche, die gegen die sich zunehmend breitmachende Gleichförmigkeit wirken. Alles wird immer uniformierter und austauschbarer. Häuser wie dieses sollten auch dafür gehegt und gepflegt werden, da sie das Potential einer Subkultur in sich bergen und in einem wertvollen Kontrast zum Rest, dem großen Ganzen stehen.
Ich mag dieses Haus, weil ich an ihm Dinge erkenne, die mich in meiner Arbeit interessieren – eine Formidee, entstanden aus den realen Voraussetzungen einer Aufgabe oder Situation – Praktische Ästhetik.
Ich mag das Haus, für die Selbstverständlichkeit, die es ausstrahlt, weil es nichts will und doch so viel kann.

Carmen Wolf, CARMENWOLF ARCHITEKTURBÜRO

Zur Person:
Wir kennen Carmen schon aus der Zeit, als sie noch bei Hild und K arbeitete. Sowohl diese Periode, wie auch das bei Jean Nouvel absolvierte Praktikum in Paris, dürften wohl prägend für sie gewesen sein. Ihre Freude über Paris zu sprechen und zu schreiben und die damit übermittelte Begeisterung für diese Stadt, kann einem den Tag versüßen und Fernweh erzeugen.

Wir selbst schätzen Carmen als eine Kollegin sehr – auf einer sowohl persönlichen wie auch fachlichen Ebene. Eines ihrer Lieblingshäuser präsentieren zu dürfen, ist uns eine große Freude.


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