Januar 2017

KARDINAL-FAULHABER-STRASSE 7: PALAIS HOLSTEIN
Degustiert am 04.05.2015 ab 18:00 vor goldorangenem Frühlingshimmel (★★★★★)

Wohl geordnete, sehr zugängliche Entfaltung durch stimmig gefächerten strahligen Prospekt und reichhaltige Wiederholung. Lauwarm-kühl dennoch ausgewogen wohlwonnige Temperatur bei harter Kantigkeit mit vereinzelten Ausrundungen – schafft Kälte und Erhabenheit. Farbton bei nicht direktem Sonnenlicht konglomeriert aus einem Hauch von Haselnuss und Nougat, aufgelockert durch Tupfen frisch aufgeschlagenen Schlagrahms. Ambivalenz in Stärke und Verspieltheit, zeigt bröckelig nun fest erstarrtes Gebilde in sehr gutem Zustand mit patriarchalisch ehrwürdiger Fühligkeit bei etwas irreführender Konsistenz. Prächtig-fülliger Geschmack, kernig, nussig, akzentuiert durch sehr leichte Süße – baisermäßig. Im Gaumen enttäuschend, aber erwartbar herb, in der Spitze kraftvoll mit einem Stich von Säure, prächtiger Blutorange und im Sockel vollmundige alte Schwere. Im Abgang altes gebrauchtes Ziegenbockleder und frische, knorpelige Walnuss. Wenn überhaupt, sehr feine leichte Würze wie altgewordener Zimt. Herrschaftlich, bayrisch, satter Geruch in feierlicher Breite – fast schon gärig, aber mit Dezenz und erstaunlicher Pietät – jedoch lange nicht maderisiert. Bei längerer Entfaltung von männlich-dominanter, aber irgendwie doch kunstvoller, musenhafter Nobilität bei feiner Säure. Erinnerungen auf sich ziehend von prägender, einmaliger Konstitution, schwer zu vergessen und keineswegs langweilig. Mittlere bis geheimvolle Tiefe, durchbrochen von Überraschungen und filigran überbordender Eleganz. Stammhafte gesunde Kubatur von fast unverschämter Länge bei Stilhaftigkeit und gleichwohl jugendlicher Dominanz. Schwach sandige Textur – sauber, klar, rhythmisch und symmetrisch.

zu Beitrag und Person:
Nach den kargen Häusern der letzten Monate schöpfen wir dieses Mal zu Neujahr aus dem vollen Hafen. Sozusagen: Architektonische Völlerei.
Der Text dazu ist am Lehrstuhl für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege bei Prof. Andreas Hild an der TU München entstanden. Studenten sollten dabei Häuser in Sprachwelten anderer Disziplinen beschreiben. Bei Michael Sebastian Müller war dies die Sprache des Weinkritikers Michael Broadbents.
Wir finden den Text sehr gelungen und danken Michael Müller für die Überlassung.

Nun wünsch ich „Prosit, Neujahr, laßt es Euch alle gutgehen.“
Thomas Gerstmeir, 31.12.2017

Foto: Michael Heinrich, München